Still.Unholy
auf der suche nach subway-sandwiches gefunden
da wird der wolff auch als guru bezeichnet
da wird der wolff auch als guru bezeichnet
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| Selbstredend bezieht sich der Titel unseres Themenparks nicht auf ethnische Couleur sondern geistige Gesinnung und passende äußerliche Gewandung, sprich: die Angehörigen der ‚Schwarzen (Musik-)Szene‘. Auch wenn es der Ottonormalspießbürger kaum glauben mag: Diese Szene, deren Anhänger sich aschfahl schminken, schwarze Schirmchen und Barockkleider tragen, die Haare toupieren, den Körper wie ein Kunstwerk zurechtmachen, piercen, kajalieren, in schwarze Gewänder, Rüschen, Lack und Leder pressen, ist eine der letzten Kulturbewegungen der uniformen Mainstreamgesellschaft. Am 12. und 13. August werden wieder 25000 ‚Gothics’, ‚Grufties’, somnambule Düsterfürsten, anmutige Barock-Ladies, bekettete Industrial-Berserker und freche Dark-Wave-Xanthippen beim M’era Luna auf dem Hildesheimer Flughafen zusammenfinden und friedlich die Regentschaft des Mondes zelebrieren. Wir haben einige der bekanntesten Künstler der Gothic-Szene zur Rede gestellt, um einige durch Unwissenheit und Agitation populistischer Medien entstandene Klischees entkräften und die Szene-Hintergründe verstehen zu können. Klischee Nummer 1: Gothics sind Satansanbeter, Leichenfledderer und haben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Was Medien so alles anrichten können, oder? Sehen furchterregend aus, hören komische Musik, laufen selbst im Hochsommer in Schwarz rum – mit denen muss ja was nicht stimmen, die stellen wir einfach mal unter Generalverdacht! Eric Burton, Sänger von Catastrophe Ballet und Manager der Promotion-Agentur Hardbeat Promotion, die neben Rock-, Alternative- und Elektro-Themen auch viele Acts aus der Gothic-Szene promotet, gerät bei derartigen Vorurteilen nahezu in Rage: „Ist es nicht komisch, dass diese Szene – nach den Skinheads – die wohl unbeliebteste Jugendkultur aller Zeiten ist? Und das, obwohl die ‚Grufties’ ja eigentlich gar nichts ‚falsch’ machen. Die Gothics saufen und randalieren nicht (wie die Heavys), nehmen nicht übermäßig Drogen (wie die Techno-Freaks), überfallen keine Ausländer (wie die rechten Skins), aber irgendwas muss man denen doch anlasten können, oder? Es kann doch nicht sein, dass so komische Typen ‚normal’ sind!? Da kommt das Satanisten-Vorurteil gerade recht. Ich kann nur sagen, dass ich in all der Zeit nicht mal zwei richtige Satanisten kennen gelernt habe." Zumal ja Satanismus sowieso eher der Black-Metal-Szene zuzurechnen ist, die bewusst mit diesen Inhalten und dem Image der Teufelsanbetung kokettiert. Auch Gothic-Guru Tilo Wolff von Lacrimosa macht die Medien und ihre verzerrende Berichterstattung für die Vorurteile gegenüber der Szene verantwortlich und sieht die friedlebenden Gothics in der Opferrolle. „Die Gothics wollen aus der Rolle fallen, und das führt dazu, dass die Medien sagen: ‚Super, ein gefundenes Fressen: Die sehen komisch aus, keiner weiß was über die, also können wir schreiben, was wir wollen’." Der Schein trügt – besonders wenn man sich nicht die Mühe macht, sich über die Hintergründe der Szene zu informieren. Ganz krass könnte man sogar behaupten, dass eine Verurteilung der Gothics aufgrund ihres Äußeren eine Form von Rassismus ist. Klischee Nummer 2: Die ‚Schwarze Szene‘ ist eine Sekte. Als Sekte wird gemeinhin eine religiöse Organisation bezeichnet, die aus dem Schisma von einer arrivierten Religion hervorgegangen ist. Dass die ‚Schwarze Gemeinde’ also eine Sektengemeinschaft sein soll, kann schon dadurch widerlegt werden, dass ihr Antrieb kein religiöser ist. „Die Szene ist weder politisch noch religiös", befindet auch Tilo Wolff, „es geht vielmehr darum, dass jeder seinen Weg findet, indem er in erster Linie auf sich selbst und nicht auf seine Umwelt hört". Dass sich die Gothics dennoch mit dem Vorurteil des Sektenwesens konfrontiert sehen, kann beispielsweise Mozart, Frontmann von Umbra et Imago und Dracul sowie Besitzer eines Gothic-Klubs in Karlsruhe, bestätigen, schließlich musste er sich seinerzeit bei der Vereinsgründung mit dem Sektenbeauftragen der Diözese Freiburg auseinandersetzen. „Die schicken dir einen Pfarrer, Soziologen, Psychologen, weil sie immer noch glauben, dass die Gothic-Bewegung eine Sekte ist. Und du kannst sie nicht davon überzeugen, dass das eine Kulturbewegung ist", berichtet Mozart mit einem trockenen Lachen. „Danach ging das Ganze zum Stadtrat, der diskutierte dann noch mal mit dem Kulturausschuss darüber, und wir haben zweieinhalb Jahre keine Genehmigung für den Klub gekriegt. Damals gab es hier einen Klub von dieser Bhagwan-Sekte und der wurde genehmigt – und das war dann der ausschlaggebende Punkt. Ich musste sogar mit diesem Sektending argumentieren, das musst du dir mal vorstellen!" Sicher wird es auch den ein oder anderen religiösen Gothic geben, doch mit der Bewegung an sich hat das wohl eher weniger zu tun. Es lebe der Synkretismus! Klischee Nummer 3: Der martialische Auftritt einiger Gothics zeugt von inhärenter Aggression: Sich auf Gothic-Treffen verirrt habende Normalbürger werden rituell geopfert. Das Gegenteil ist der Fall – selten findet man auf Veranstaltungen ähnlicher Größe weniger Gewaltpotential als auf dem M’era Luna oder Wave Gothic Treffen in Leipzig. Opferungen und Ausschachtungen sind wirklich eine Seltenheit. „Aggression und Gewalt waren nie Bestandteil des Lebensgefühls dieser Szene", erklärt Eric Burton von Catastrophe Ballet. „Im Prinzip ist ja ‚Gothic’ so was wie eine kastrierte Form des Punks. Eben Punk ohne Aggression. Ich sage auch mal pauschal, dass sich von dieser Szene Menschen mit einem gewissen Niveau angezogen fühlen. Du findest hier wenig Hohlköpfe, denen es nur ums Saufen, Weiber-Anmachen und Randale-Machen geht. Das passt nicht zu diesem Style." Also keine Furcht, Ottonormalkurzhaarschnittbürger mit Normal-Garderobe und Gothic-Musik-Vorliebe – auf dem M’era Luna wird bestimmt keiner schräg angeguckt. Klischee Nummer 4: Gothics sind depressiv, labil und akut suizidgefährdet. Dass die Szene nicht den Mechanismen der verstrahlten Eititeiti-Party-Gesellschaft unterliegt, sondern mitunter etwas eingehender über die Inhalte des Lebens nachdenkt, muss ja nicht gleich heißen, dass Gothics tagtäglich Antidepressiva einwerfen und ausschließlich durch Freitod dahinscheiden. Nur weil die meisten mit dem Thema Tod ein Problem haben, müssen ja nicht alle, die sich bewusst mit diesem Baustein des Lebens auseinandersetzen, gleich weltfremde Depri-Freaks mit Todessehnsucht sein. Sicher finden viele kontemplative Menschen in der ‚Schwarzen Szene‘ eine Heimat und beschäftigen sich die künstlerischen Bereiche der Bewegung mit dem Kreislauf von Leben und Tod, doch genau so findet sich dort Lebensfreude und Optimismus. Es kommt also darauf an, was man sehen will. Eine der erfolgreichsten ‚Depri-Bands’ sind sicherlich Deine Lakaien um die Masterminds Ernst Horn und Alexander Veljanov. Zum Vorwurf, Depri-Mucke zu fabrizieren, sagt Veljanov nur lapidar: „Wenn man grundsätzlich allem gegenüber eine Ablehnung hat, was nicht Sunshine-Happy-Pop oder Retro-Rock ist, hat man es mit uns natürlich schwer. Man kann niemandem vorwerfen, dass er eine bestimmte Richtung nicht mag, aber man sollte sich schon die Mühe machen, zwischen den Geisterbahn-Dilletanten, die in dem Genre unterwegs sind, und den etwas Seriöseren und Anspruchsvolleren zu unterscheiden." Zu letzteren gehört sicher auch Der Graf, der mit Unheilig auf dem M’era Luna zu erleben sein wird. Auch er schätzt an der Szene, dass sie sich mit ernsteren Themen des Lebens auseinandersetzt, und sieht diesen Wesenszug als Zeichen von Stärke. „Wenigstens redet man offen darüber, weil man Verständnis findet und sich in all diesen Themen austauschen und damit beschäftigen kann. Anderswo werden diese Gedanken verschwiegen, weil es nicht fein ist, offen darüber zu sprechen. Ängste und Sehnsüchte auszutauschen hat etwas mit Reife und Größe zu tun und ist für mich das Menschlichste und Normalste der Welt. Daher sind die meisten in dieser Szene auch immer lustig und freundlich, weil viele mit sich im Reinen sind." Bleibt nur die Frage, was genau die Farbe Schwarz in der Szene widerspiegelt. Im Song »Alles Schwarz« beispielsweise bezieht Mozart mit Umbra et Imago klar Stellung zur ‚Schwarzen Gesinnung‘: „Die Not, die in mir frisst; die Aufrichtigkeit, die man so vermisst; der Hass auf die menschliche Kreatur; Ignoranz, Lügen, der falsche Schwur. Die Habgier und die kurze Sicht; die Religion, die Menschen bricht; die Moral, die mordet und verbrennt; die Scheinheiligkeit, die ein jeder kennt – das alles ist schwarz an mir." In seinem Fall ist das Schwarz also eine Reflexionsfläche für jene Dinge, die ihn an der ‚normalen’ Gesellschaft stören. Man kann die Gothic-Bewegung also auch als Spiegel der Gesellschaft deuten, der ihre dunklen Seiten visuell reflektiert und sich ihr bewusst entgegenstellt. Doch auch Mozart ist alles andere als ein Menschen- und Lebensfeind, erzählt er uns doch, dass er in der Sonne Sizilienes gerade einen formidablen Urlaub verlebt habe. „Passt gar nicht zum Gruftie, wa? Aber ich bin’s mit dem Kopf, weßte? Auch im Süden trag ich tapfer Schwarz, obwohl mich die Italiener immer ganz komisch anguckten – aber Ideologie muss wehtun!" Klischee Nummer 5: Gothics schänden gerne Friedhöfe. Ein vergleichbares Statement wäre in etwa ‚Die Tiere machen den Regenwald kaputt’. Auch mit diesem Vorurteil hat Klub-Besitzer Mozart eingängige Erfahrungen gemacht: „Am Anfang war es immer so, dass die Bullen sofort zu uns gekommen sind, wenn auf dem Friedhof etwas zerstört wurde. Bis wir denen dann erklärt haben, dass die Grufties auf dem Friedhof eigentlich die Romantik suchen, weil das Neo-Romantiker sind. Aber die haben mit Sicherheit kein Interesse daran, die Friedhöfe, die sie so schön finden, zu zerstören." Doch das zeichnet Vorurteile ja schließlich aus: dass sie keinen Sinn ergeben. Fakten Natürlich kann man eine zersplitterte Bewegung wie die Gothic-Szene in diesem Rahmen kaum erklären und analysieren. Allein das vielfältige Line-Up des diesjährigen M’era Luna Festivals sprengt alle Versuche, die Szene musikalisch und ideologisch auf einen Nenner zu bringen.„Ein Unterschied zu ‚früher’ ist, dass sich die Musikstile in der Szene ausgeweitet und vermischt haben", so Eric Burton. „Gab es in den 80er Jahren nur Gitarren-Wave und Electro, sind heute mit Future-Pop, Mittelalter-Rock oder Gothic-Metal viele Stile dazugekommen, die das Genre erweitern." Auch in Hildesheim werden sich am 12. und 13. August wieder die unterschiedlichsten Düster-Kapellen versammeln: Apoptygma Berzerk sind mit Elektro-Rock, De/Vision und Mesh mit Elektro-Pop und Letzte Instanz und In Extremo mit Mittelalter-Rock am Start. Düstere Industrial-Klänge werden Die Krupps und die Kult-Recken von Ministry unter die schwarze Meute prügeln, Gothic-Metal gibt‘s von Tristania und Within Temptation. Höhepunkte des über 40 Bands zählenden Line-Ups werden ohne Frage die Auftritte der EBM-Wegbereiter Nitzer Ebb und der Ur-Gothics Bauhaus auf der Main Stage sowie im Hangar die Performance von ASP werden, deren gleichnamiger Sänger übrigens den Titel dieses Themenparks ziert. Alle Klarheiten beseitigt? Was ist eigentlich die ‚Schwarze Szene‘? Keine Ahnung, kann man nicht definieren, muss man erlebt haben. „Das Problem ist, dass man versucht die Dinge zu erklären und in Schubladen zu stecken", spricht der unheilige Graf. „Das wird nie funktionieren und das ist auch gut so. Kunst ist menschlich. Hast du eine Grenze erreicht, willst du drüberklettern um zu sehen, was dahinter ist." Wer bei der ‚Schwarzen Szene‘ ebenfalls an eine Grenze stößt, sollte seinerseits einen Blick über den eigenen Horizont wagen. Den Gothics wird’s sicher egal sein, vielleicht wollen sie ja gar nicht verstanden, sondern in Ruhe gelassen werden. Wie schon Mozart sagte: Ideologie muss wehtun. |