Messiah
Auch wenn es nicht wirklich zu unserer Szene passt, so denke ich doch, dass dieses Interview dennoch hier veröffentlicht werden sollte. Wer mit "Massive Attack" nix anfangen kann, darf an dieser Stelle den "Zurück-button" seines Browsers betätigen.
Dieses Interview wurde von Virgin Music herausgegeben. Robert Del Naja und Neil Davidge geben einige Interna ihrer langen Bandgeschichte preis und plaudern über Platten, Videos und ihr nächstes Album "Weather Underground". Viel Spaß damit!
Dieses Interview wurde von Virgin Music herausgegeben. Robert Del Naja und Neil Davidge geben einige Interna ihrer langen Bandgeschichte preis und plaudern über Platten, Videos und ihr nächstes Album "Weather Underground". Viel Spaß damit!
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Zur Titelauswahl auf "Collected" D: Nostalgie ist schon ein ziemlich starkes Gefühl, stimmt´s? Normalerweise wird dieses durch Gerüche oder Musik ausgelöst. Musik und Gerüche sind halt die beiden Dinge, die in einem das Gefühl auslösen können, man wäre wieder in einer längst vergangenen Zeit... Genau das ist doch, was die Kraft von Musik ausmacht, nämlich, dass sie einen dazu befähigt, sich zurück in die Vergangenheit zu versetzen. Bei der jetzt vorliegenden CD war es allerdings letztlich so, dass wir gewissermaßen als Ausgleich auch über unsere Zukunft nachdachten, und dann als Gegengewicht zur ersten CD, die ja angeblich all das zusammenfasst, was wir in den letzen 15 Jahren erreicht haben, eine zweite CD mit Outtakes und unveröffentlichtem Material zusammengestellt haben. Die größte Mühe haben wir also darauf verwendet, diese zweite CD zusammenzustellen, diese Rohfassungen, Remixe, schrägen Kollaborationen und Stücke aus Filmsoundtracks auszugraben, welche sich die Leute sonst vermutlich kaum anhören würden, und aus diesem Material eine CD zusammenzustellen, die so klingt, als ob sie das genaue Gegenteil der ersten CD wäre. Es ging also letztlich weniger um Nostalgie, als darum, diese zweite CD zu veröffentlichen. Ich meine, heutzutage kann doch jeder seine eigene Best-Of-Liste von jeder gewünschten Band erstellen. Wenn sich jemand z.B. also für unser älteres Material interessiert, dann kann er sich ja problemlos eine eigene Playlist zusammenstellen und diese dann den anderen Playlists hinzufügen. Und diese Zusammenstellung muss ja keine chronologische sein, sondern kann sich durchaus danach richten, welche Reihenfolge dir an dem bestimmten Nachmittag als die angenehmste erscheint. G: Wir haben halt Tracks, die schon 15 Jahre alt sind, mit solchen kombiniert, die noch ganz neu sind. D: Um ganz ehrlich zu sein, hatten wir die Qual der Wahl zwischen zwei Stücken, die sich auf Grund ihrer tollen Intros als Albumopener anboten. Das eine war „Safe From Hell“ und das andere war „Angel“. Und die Überlegung war: „O.k., welches der beiden Stück hat das beste Intro? „Safe From Harm“ – alles klar.” Viel mehr Überlegungen gab es da nicht. Grundlage unserer Entscheidungen waren eher musikalische Gesichtspunkte, Diplomatie spielt da kaum eine Rolle. Es ging bei der Titelauswahl vor allem darum, wie die Songs zueinander passen, wie sich das Intro des einen Tracks mit dem Outro der vorhergehenden verträgt, es ging um den Effekt, den Musik hat, und darum, was wir als nächstes tun werden. Das entspricht in gewisser Weise den Überlegungen, die man bei der Zusammenstellung von Live-Sets anstellt, da geht es auch um Dynamik und solche Sachen. Natürlich gibt es bestimmte Kriterien bei einer solchen Auswahl, um bestimmte Songs von bestimmten Alben kommt man einfach nicht herum, oder man musste bestimmte Alben irgendwie auch repräsentieren. Ich habe ziemlich viel Zeit auf unserer Website verbracht, habe mir da die Meinungen der Leute im Forum durchgelesen, und dabei festgestellt, dass da jeder hinsichtlich der Titelauswahl seine ganz eigenen Vorstellungen hatte. Und irgendwann kommt man dann zu der Erkenntnis, dass es völlig unmöglich ist, alle und jeden zufrieden zu stellen. Zum neuen Material D: Viele Leute werden fragen, warum wir überhaupt eine Compilation, also eine Anthologie veröffentlichen? Der Grund ist der, dass wir dadurch Zeit gewinnen, in der wir weiter an unserem nächsten Album arbeiten können, und das auf die Art und Weise, die uns gefällt. Hinzu kommt, dass uns diese Compilation auch die Möglichkeit eröffnete, die beiden Songs „Live With Me“ und „False Flags“ zu veröffentlichen. Bei diesen handelt es sich nämlich um Stücke, die schon seit einiger Zeit fertig geschrieben waren. Sie standen im Regal und hätten da vermutlich auch noch ein weiteres Jahr gestanden. Der Grund dafür ist der, dass wir uns nicht ganz sicher waren – und das auch immer noch nicht sind – wie unser nächstes Album klingen wird. Die Platte entwickelt sich momentan in die unterschiedlichsten Richtungen, wir sind uns nicht sicher, was genau dabei herauskommen und wie das letztlich klingen wird. Und diese beiden Stücke hätten so einfach nur rumgelegen und Staub angesetzt... „Live With Me“ war ursprünglich ein Stück für einen Film-Soundtrack, an dem ich zusammen mit Neil Davidge arbeitete. Bei diesem Streifen handelte es sich um eine britische Independent-Produktion, und der Soundtrack hatte ein durchgehendes Jazz-/Blues-Thema. Was auch der Grund dafür war, dass wir uns mit Terry Callier in Verbindung setzten. Für uns war es auch interessant, nach „100th Window“, „Danny The Dog“ und „Bullet Boy“ wieder an so einem Projekt beteiligt zu sein, einfach, weil es sich hier um einen ganz anderen Sound und ganz andere Bezüge handelte. Außerdem hatten wir so etwas ja schon eine ganze Weile nicht mehr gemacht. Terry kam zu uns ins Studio, wir haben ein paar Sachen am Klavier ausprobiert, haben ein paar Stücke geschrieben, diese dann weiterentwickelt. Die haben wir Terry dann geschickt, er kam zu uns ins Studio, und dann ging alles ganz flott. Und dann wurde der Film gar nicht gedreht, die gesamte Produktion wurde abgesagt, also landeten diese beiden Stücke im Regal, und da lagen sie dann. Bei „False Flags“ war es ähnlich. Diese Stück haben wir ungefähr zu der Zeit geschrieben, als in Frankreich die Unruhen ausbrachen. Auch dieses Stück lag also auf Halde. Nun ist gerade diese Nummer sehr geprägt durch die Zeit, in der sie entstanden ist, und wir dachten, dass sie, wenn sie weiter nur so im Regal herumliegt, in ein oder zwei Jahren nicht mehr die Relevanz haben würde, die sie jetzt noch hat. Es ging bei der Compilation also einerseits darum, Zeit zu gewinnen und in Ruhe arbeiten zu können, zugleich ergab sich dadurch aber auch die Möglichkeit, schon jetzt zwei neue Tracks zu veröffentlichen, und daraus entwickelte sich dann die Idee zur zweiten CD, auf der wir dann Demo-Versionen und alle möglichen anderen Sachen veröffentlichen konnten, welche die Leute sonst vermutlich nie zu hören bekommen hätten. Es gibt da halt eine Reihe von Tracks, die die Leute kennen, zumindest die meisten, oder vielleicht auch nur einige, was weiß ich, und dann gibt es daneben auch jede Menge Material, das bisher noch niemand gehört hat. Und dann gibt es Tracks, die besonders darüber Auskunft geben, wie wir Musik machen, wie wir Songs schreiben, und die verdeutlichen, warum wir diese oder jene Entscheidung getroffen haben. Bei manchen Songs ist es ja so, dass man erst am letzten Tag im Studio eine Entscheidung trifft, und diese kann dann in die eine oder in die andere Richtung gehen. Hier bestand nun die Möglichkeit, die Hintergründe für solche Entscheidungen etwas zu beleuchten. Wir konnten zeigen, wie unsere Songs beginnen und wie sie sich mit der Zeit entwickeln. Indem man rohe, unfertige Versionen veröffentlicht, macht man sich ja auch angreifbar. Man setzt sich der Gefahr aus, dass die Leute diese Dinge auseinandernehmen und sagen: „Was für ein Scheiß!“, und ich finde das gar nicht so schlecht. Nimm z.B. den Track „Silent Spring“ - dabei handelt es sich um eine Zusammenarbeit mit Elizabeth (Fraser). Das ist ein unvollendetes Stück und es kann durchaus sein, dass wir dieses nie fertig stellen werden, und gerade deswegen waren wir beide so froh darüber, dass Liz uns erlaubte, diese Rohfassung zu veröffentlichen. Klar, wir haben die Nummer noch ein wenig abgemischt, haben den Sound noch ein wenig aufpoliert, aber letztlich handelt es sich dabei doch um eine Demo-Aufnahme. Es ist ein Stück in einer ganz neuen Sprache, es hat eigentlich keinen richtigen Text, aber es klingt ganz wundervoll, es vermittelt so ein Art wunderbares Wohlgefühl. Und dass Liz Fraser uns erlaubt hat, dass in dieser Fassung zu veröffentlichen, finde ich ausgesprochen mutig von ihr. Dieses Stück war gewissermaßen die logische Fortsetzung der Art und Weise, in der wir auch die beiden neuesten Stücke (auf dem Album) angegangen sind. Bei diesen handelt es sich gewissermaßen um Moment-Aufnahmen. Einfache Akustik-Nummern, mit nur wenig Gesang, die wir dann im Studio nur noch ein wenig aufpoliert und arrangiert haben. Aber es war beileibe nicht so, dass wir sie noch einmal aufwändig bearbeitet hätten, wir haben vielmehr... bei „100th Window“ haben wir immer nur ganz kleine Schritte gemacht, es ging um Komplexität und Schichten, all die Sachen halt, die zur damaligen Zeit wichtig waren. Hier war der Ansatz nun ein völlig anderer, fast gegensätzlicher. „Live With Me“ geht so in Richtung Jazz-Blues, was einerseits eine Reaktion auf die Dinge war, die damals passiert sind. Bei „100th Window“ herrschte eine ausgesprochen kalte Arbeitsatmosphäre, wir haben ganz alleine gearbeitet, ohne jede Hilfe von außen. Und daher haben wir uns diesmal für eine eher offene Art der Zusammenarbeit entschieden, für eine einfachere, schnellere und irgendwie natürlichere Arbeitsweise, und das ist dann, was dabei letztlich herausgekommen ist. Und wie der Zufall es will, scheint das den Leuten zu gefallen, sie sowohl emotional als auch intellektuell anzusprechen, und das ist schon ein großer Erfolg. G: Mir wurde erzählt, dass im manchen Rezensionen wohl gestanden hat, wir hätten so „wieder zu alter Form zurückgefunden“, was ich als Einschätzung ein wenig eigenartig finde... D: Und auch ein wenig beunruhigend, weil es ja impliziert, dass wir in den letzten Jahren in einem Formtief gesteckt hätten. (Gelächter) Die Alben D: Weißt du, ...ich glaube ... dass wir von „Mezzanine“ deutlich mehr verkauft haben als von „Blue Lines“. Obwohl „Blue Lines“ immer wieder als „unser bedeutendstes Werk“ (in Anführungszeichen) bezeichnet wird, ist „Mezzanine“ das, welches unter kommerziellen Gesichtspunkten am besten angenommen wurde, ist also in dieser Hinsicht unser beliebtestes Album. „100th Window“ und „Protection“ haben sich in etwa gleich gut verkauft. Letztlich kann man sagen, dass die Verkaufszahlen der einzelnen Alben nicht wirklich ein klares Bild davon wiedergeben, wie die Leute diese Platten einschätzen und welche Wertigkeit sie haben. Allerdings unterscheiden sich alle unser Alben auch ganz deutlich voneinander, oder? Die Stimmung der Zeit einfangen D: Wir haben uns alle immer für die Art von Musik interessiert, die melancholisch, traurig und (dadurch) wundervoll ist, die Dinge also, von denen auch der Blues handelt. Wenn diese Musik dann auch das widerspiegelt, was zur jeweiligen Zeit in der Welt und auch im persönlichen Bereich geschieht, dann möchte man sich halt gerne diesem Gefühl (der Melancholie) hingeben, sich darin wälzen, um es dann letztlich auch zu überwinden. Nun ist es ja offensichtlich, dass es zuletzt in der Welt deutlich düsterer geworden ist. Man hat uns ja schon immer vorgeworfen, wir würden uns eher für düstere Dinge interessieren bzw. mit solchen beschäftigen. In meinem Fall ist es aber so, dass ich Blues, traurige Musik im Allgemeinen und überhaupt alles, was die Dinge widerspiegelt, die um einen herum passieren, als etwas empfinde, was mich aufbaut. Mir gibt solche Musik Kraft. Ich meine, wenn ich z.B. in den Nachrichten mitkriege, dass wieder irgendwo die Kacke am dampfen ist oder irgendwelche Katastrophen passiert sind, ich dann umschalte und als nächstes so einen fröhlichen 3-Minuten-Jingle höre, das finde ich dann wirklich finster, weil ich mir dabei denke: “He, das hat doch mit der Realität und mit dem, was gerade in der Welt passiert, gar nichts zu tun!“ Solche Sachen machen mir dann eher Angst, weil sie von der Wirklichkeit ablenken und das ergibt für mich keinen Sinn. Das wirkt auf mich so, als ob man die Leute absichtlich von der Realität ablenken will, und das finde ich dann erst recht schlimm. Meiner Meinung nach stellt Blues und traurige Musik insgesamt eine Art Verbindung zu den Dingen dar, die tatsächlich passieren. Wir leben ja im Informationszeitalter, wo man jeden Tag mit einer Unmenge an Nachrichten bombardiert wird, das macht es schwierig, zu diesen Dingen eine Beziehung aufzubauen. Ich finde es daher toll, dass die Leute, die das Forum auf unserer Website nutzen, sich sehr für politische Themen interessieren und ausgesprochen gut informiert sind. Obwohl die meisten von ihnen einer deutlich jüngeren Generation (als wir) angehören, wissen sie doch bestens Bescheid, was in der Welt passiert. Ich halte das für ausgesprochen wichtig. Prominenz und Verantwortung D: Ich glaube nicht, dass wir selbst uns als Promis betrachten. Gut, die Band ist „berühmt“, und unsere Musik in gewisser Weise auch, aber wir selbst als Privatpersonen sind nie so richtige Promis geworden, sondern alle ziemlich auf dem Teppich geblieben. Bristol ist eine eher bodenständige Stadt, wenn wir nach Hause kommen, interessiert es da niemanden, ob wir berühmt sind oder nicht, und das ist auch gut so. Andererseits empfinden wir (auf Grund unseres Bekanntheitsgrades) eine gewisse Verpflichtung, uns einzumischen, Stellung zu beziehen, und die Möglichkeiten, die wir haben, dazu zu nutzen, bestimmte Ängste zu thematisieren. Das ist auch der Grund dafür, dass wir mit Organisationen wie Amnesty International, Greenpeace, CND oder Stop The War (um nur einige zu nennen) zusammenarbeiten. Diese in ihrer politischen Arbeit zu unterstützen, ist uns wichtiger, als für uns diese Art Mythos von hochpolitischen Persönlichkeiten aufzubauen. Weißt du, wir sind nur Musiker, ganz normale Menschen, wir arbeiten mit Organisationen zusammen, die sich mit Dingen beschäftigen, die uns wichtig erscheinen... Und dann geht es auch darum, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen unserer Musik und der Möglichkeit, mit dieser der Wirklichkeit zu entfliehen, und den Dingen, die tatsächlich in der Welt passieren. Allein der Umstand, dass sowohl unser erstes als auch unser letztes Album gewissermaßen von Golfkriegen „eingerahmt“ wurde, und angesichts der andauernd gespannten Lage im Nahen und Mittleren Osten und der Tatsache, dass wir Briten stets in diese Dinge verwickelt waren – das beschäftigt uns schon sehr. Ich meine, diese Demonstrationen gegen den Krieg (am Golf) hatten ja nichts damit zu tun, dass wir so naiv waren, zu glauben, wir könnten diesen wirklich verhindern. Aber als Menschen – weniger als Band oder als Prominente – haben wir halt die Pflicht, (uns einzumischen). Zur Zusammenarbeit mit Liz Frazer, Tracey Thorn, Horace Andy, Sinnead O´Connor D: Normalerweise ist es bei Kollaborationen so, dass wir diese über drei, vier Tracks ausdehnen und schauen, was dabei passiert. Das ist so wie bei Schiffen, die sich in der Nacht begegnen. Wenn die Arbeit vorbei ist, setzt jeder seine Reise fort und macht sein eigenes Ding, wenn du weißt, was ich meine. Bei Elizabeth kam es dann so, dass sie nach Bristol zog, wir dann auch Freunde wurden, und wir irgendwann das Gefühl hatten, dass aus unserer Zusammenarbeit noch viel mehr herauszuholen wäre. Ich meine, Elizabeth ist halt einzigartig, eine Art wandelndes Instrument. Sie spricht ihre eigene Sprache, hat ihren eigenen, unverwechselbaren Klang. Das ist etwas, was man nicht kopieren, was man nicht kaufen kann, und was man auch nirgends sonst erhält. G: Das Tolle an unserer Band ist, dass wir uns immer die Leute aussuchen konnten, mit denen wir arbeiten wollten. Leute, die wir früher beobachtet und bewundert haben – und die haben wir uns dann ins Studio geholt. Leute wie Liz und Horace Andy, bei denen man tief im Unterbewusstsein ein Ahnung hat, dass da irgendetwas passieren würde. Man weiß halt, dass, wenn man Leute wie Tracey (Thorn) oder Liz einbezieht, diese die eigene Musik ergänzen und die eigenen Ideen auf eine höhere Stufe heben können. Das ist das Tolle an der Zusammenarbeit mit Leuten wie etwa Sinead (O´Connor). Wir haben immer davon geträumt, vielleicht eines Taqes mit ihr ins Studio gehen und arbeiten zu können. Und das Resultat dieser Zusammenarbeit ist der Beweis dafür, dass es da eine Übereinstimmung der Gedanken, eine Seelenverwandtschaft gibt, was ich für eine gute Sache halte. Vielleicht dauerte diese ja nur fünf oder zehn Minuten, aber wir haben die Verbindung hergestellt. D: So war das mit allen Frauen, mit denen bisher zusammengearbeitet haben. Sinead O´Connor ist eine Gesamtpersönlichkeit. Wir wollten mit ihr arbeiten, weil sie so ist, wie sie ist, und weil sie in ihren Songs und allem, was sie tut, das Gefühl totaler Überzeugung vermittelt, was ich für sehr wichtig halte. Ihre Überzeugungen und ihre Persönlichkeit sind ebenso wichtig wie ihre wundervolle Stimme und ihre Songs. Wir haben immer versucht, mit Leuten zu arbeiten, die diese innere Kraft haben, diese Mischung aus großem Talent und starker Persönlichkeit. Inzwischen findet man diese Leute häufiger. Die Musikindustrie ändert sich, man besinnt sich wieder auf diese Art von Talenten, auf echte Menschen, Singer/Songwriter. Vielleicht gibt es momentan eine Menge Sachen, für die sich momentan kaum einer interessiert, wie etwa unsere politischen Ansichten. Aber es ist immer noch besser, so etwas zu machen als Dinge, die überhaupt keine Persönlichkeit mehr ausstrahlen, und die sich komplett unecht anfühlen. Zur Zusammenarbeit mit Shara Nelson G: Wir kannten Shara aus einem Reggae-Projekt, das wir gemeinsam mit Adrian Sherwood und Mark Stewart gemacht haben. Ihre Stimme war so großartig, wir wussten sofort, dass wir mit ihr arbeiten wollten und Adrian hat uns das erlaubt... D: Den Ausschlag gab aber die Arbeit mit The Wild Bunch. Da haben wir mit Shara auch schon eine Single gemacht... G: Mein Gott, ja, na klar... D: Das war „The Look Of Love“. Und es war wohl auch das erste Mal, dass Leute, die alle von einem Soundsystem kamen, zusammen ins Studio gegangen sind und sich mit Studiotechnik vertraut machten. Die Originalmitglieder Nellie und Milo waren auch mit dabei. Die Arbeit mit Shara bei „Look Of Love“, das war vermutlich einer der Schlüsselmomente für die Entstehung dieses „Bristol Sounds“, und in gewisser Weise auch wegweisend für Produktionsmethode, die sich dann in den 90ern durchsetzte. Es war alles sehr roh und ungeschliffen, die Beats, der Bass... G: Irgendwie nackt, oder? D: Nackt, wenn du weißt, was ich meine. Einfach nur Bass, Beats und Gesang, und verantwortlich für diese Art der Produktion war Miles. Diese Produktion hat dann Einfluss auf so ziemlich alle gehabt, von Tim Simenon über Bomb The Bass, Smith & Mighty und Portishead bis zu uns und alle anderen, die nach uns kamen. Und das führte dann wiederum zur Verbindung von R&B und Hiphop. Da wird halt einfach ein Song über einen Beat gelegt, ohne dass man sich groß Gedanken darüber macht, um welche Art von Musik es sich dabei handelt. Zur Zusammenarbeit mit Tricky D: Tricky und ich haben zusammen gewohnt. Wir sind beide Wassermänner, und sind beide Egozentriker, wenn nicht gar Egomanen... G: Nein, nein... D: Genau wie du, Alter. Du weißt genau, wie man solche Leute erkennt... G: Oh ja, das weiß ich. (Gelächter) D: Die Arbeit mit ihm hat großen Spaß gemacht. Tricky ist ein Mensch mit großer Persönlichkeit... Er ist wahnsinnig komisch, sehr direkt, er beschäftigt einen. Er weiß, wie man mit dem Publikum umgeht, und er ist ein sehr schlauer Typ. Er stieß ja erst relativ spät zu The Wild Bunch, da waren wir schon vier oder fünf Leute, alles sehr starke Charaktere, sehr, sehr streitlustig und auch streitsüchtig. Aber er hat sich ganz gut gehalten, oder? G: Ja, wenn man bedenkt, wie wir ihn tyrannisiert haben. D: Wie du ihn tyrannisiert hast... G: Du hast ihn tyrannisiert... D: Nein, du! Ich hab ihn nicht tyrannisiert, ich habe mit ihm zusammengewohnt. Zur Zusammenarbeit mit Nicolette (bei "Sly") D: Die Zusammenarbeit mit Nicolette war sehr interessant. Sie war wieder eine andere Sorte Frau, sehr stark. Da waren also drei oder vier Kerle in einem Raum, alle total davon überzeugt, alles richtig zu machen, auf dem richtigen Weg zum richtigen Ziel zu sein. Dann holt man da jemanden von außen dazu, weil man will, dass der-/diejenige seine/ihre Interpretation abliefert. Und dann denkt man: „Wow, Moment mal, das ist doch vielleicht ein wenig zu heftig?!“ Nicolette ist eine sehr starke Persönlichkeit, sie hatte dieses gewisse Etwas, und die Arbeit mit ihr hat großen Spaß gemacht. Ich glaube, ihr gefiel diese Art von Gruppendynamik. Schlimmes Wort, ich weiß, aber genau so läuft das halt. Zur Zusammenarbeit mit Debbie Clare (bei "Joy Luck Club") D: Wir kommen mit ziemlich vielen Leuten in Kontakt, was auch gut so ist und auch sehr spannend. Das Hauptproblem ist dabei, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Man lebt halt in seiner eigenen Welt, man hört ständig neue Dinge und da fällt es schwer, sich auf etwas... Nun, es geht halt um diese Art von Alchemie, wenn du die richtige Position hast und jemand auf dich zukommt, wenn du verstehst, worum es ihm/ihr geht und er/sie versteht, worum es dir geht, du genügend Zeit hast und alles perfekt zusammenpasst. Meist hat man doch genügend eigenes Zeug am Hals, und bei den anderen ist es ebenso, und das macht sich dann halt auch bemerkbar. Debbie Clare ist toll. Sie singt in einer sehr coolen Band aus Brighton namens Oom. Debbie ist ein wirklich netter Mensch, und sie hat eine ganz wundervolle Stimme, irgendwas in der Mitte zwischen Indie und Oper, oder Oper und Indie, so was wie indische Oper. Aber nicht dieses Bombay –Ding, wenn du weiß, was ich meine. Zur Zusammenarbeit mit Madonna D: Das Schräge bei diesem Stück ist, dass wir es sicher sieben, acht Jahre nicht mehr gehört haben... Klang ein wenig mach diesem D´Angelo-Zeug, was toll war. So eine Art guter Funk, der aber so klang, als ob man mit den anderen im gleichen Raum (gewesen) wäre, wenn du weißt was ich meine. Der Produktionssaufwand bei diesem Track war natürlich enorm, trotzdem gibt es da diesen angenehm knirschenden Bass und Beat, dazu diese bellenden Hunde und alle die anderen Sachen, die noch dazu kamen. Und dann natürlich Madge, die diesen Marvin Gaye-Song ausgesprochen gut, um nicht zu sagen wunderbar interpretiert. Sie hat diese Sache sehr ernst genommen... Jeder der Beteiligten an diesem Album wollte etwas ganz Besonderes leisten, einfach weil es sich bei diesem Album um eine Hommage (an Marvin Gaye) handelte, und das allen sehr viel bedeutete. Es war ein tolles Projekt. Sehr amerikanisch... du weiß schon, so eine typische USA-Geschichte, mit einer Unmenge von Rechtsanwälten und Produzenten, die alle irgendwie an der Sache beteiligt waren. Als wir dann die Liste mit den Namen der Beteiligten zusammenstellen wollten, tauchten da plötzlich um die 50 Namen auf, die da alle als Co-Produzenten aufgeführt werden sollten. Worauf wir meinten: „Sorry Alter, aber das geht nun wirklich nicht...“ Die Videos... D: Alle unsere bisherigen Videoregisseure waren tolle Geschichtenerzähler. Angefangen bei Baillie Walsh, der war halt der Erste, und alle seine Videos, von „Daydreaming“ bis hin zu „Be Thankful For What You´ve Got“, haben kleine Geschichten erzählt. Kleine Abenteuer, kleine Lebenskapitel. Auf mich wirkte das immer so, als ob man irgendwelche Szenen aus Filmen genommen hätte, und wir zitieren ja auch ständig Filme. Und dann hatten wir das Glück, dass jeder der Regisseure, mit denen wir nach Baillie gearbeitet haben, diesen als Gradmesser genommen und versucht hat, ähnlich gute Arbeit wie er abzuliefern. Und dass sich so eine Art Kommunikation (mit all diesen Leuten) entwickelt hat, was auch bis heute geblieben ist. Es ist auch toll, jetzt wieder mit Jonathan Glazer zu arbeiten. „Karmakoma“ war ja damals das erste Mal, dass er ein Musikvideo gemacht hat. Jetzt wieder mit ihm arbeiten zu können, nachdem er zwei phantastische Filme gedreht hat und es dabei geschafft hat, großartige Schauspieler zu hervorragenden Leistungen zu bewegen, war schon ein großes Privileg. Video zu „Live With Me“ Bei diesem Stück handelt es sich ja um eine Art moderner Blues-Nummer. Jonathan Glazer stand wirklich sehr auf diesen Song und darauf, was dieser ausdrückt, und daher wollte er im dazugehörigen Video etwas Ähnliches erreichen. Er thematisierte die Kultur des Alkoholismus, wie sie in bestimmten Gruppen in Großbritannien zu finden ist. Es ging ihm dabei aber nicht darum, eine Art Studie eines Alkoholikers anzufertigen, also eine Person zu präsentieren, die ständig breit und ein menschliches Wrack ist. Er wollte jemanden zeigen, der kurz vor dem Absturz steht, und immer wieder abstürzt. Es geht also darum, dass Menschen andauernd, also täglich, ihre inneren Dämonen bekämpfen, und dass sie sich, um dieser Situation zu entfliehen, bis zur Besinnungslosigkeit betrinken. Ich finde, dass er das in diesem Video sehr gut rübergebracht hat, was ich, so wie die Story insgesamt, ganz phantastisch finde. Jedes Mal, wenn ich mir das Video anschaue, bin ich ergriffen und gleichzeitig gefesselt. Man sieht zwar immer nur eine Person, aber das wirkt nicht wie eine Abfolge von Einstellungen, sondern man wird halt nicht durch irgendwelche Einfälle, Produkte, Orte oder Personen abgelenkt. Man sieht da nur diese eine Person und wie sich diese in den Vollrausch säuft. Das Ende ist ein Ort irgendwo zwischen Himmel und Hölle, ich finde das großartig. Es ist wie beim dazugehörigen Song, der in einem den Wunsch auslöst, jemanden zu packen und zu küssen und mit dieser Person zusammen zu sein. Dieses Video wiederum weckt in einem den Wunsch, für diese Frau da zu sein, ihr zu helfen. Man ist weniger abgestoßen oder angeekelt, man ist auch nicht wütend oder verärgert über ihre Handlungsweise. Gut, es mag Leute geben, die so etwas wütend macht, aber ich finde, dass diese die Sache völlig missverstehen. Ich meine, wenn sie diese Sache wütend macht, dann stimmt irgendetwas mit ihnen nicht. Denn eigentlich weckt dieses Video doch eigentlich den Wunsch, dieser Person die Hand zu reichen, und mehr kann man sich von einem wundervollen Lied nicht wünschen. ......... |