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Der Brief

Nénindis Feirgwenn
Der Brief

New Orleans war in Dunkelheit gehüllt. Wie ein finsterer Schlaf lagen die Schatten über den Dächern. Während Raureif an den Fensterscheiben hochkroch und die Feuer in den kleinen Kaminen zu dämmen begannen, verließ Betty Taleman ihr Bett. Sie schob leise die Wolldecke, wie sie noch von ihrer lang verstorbenen Mutter gestrickt wurde, bei Seite und steckte die kalten Füße in die Fellpantoffeln auf ihrem Läufer. Wenn Betty dies normalerweise tat, dann war es gewöhnlich etwa sieben Uhr in der Früh und die Sonne schob sich über die zackigen Häuserwölbungen der Stadt.

New Orleans hatte schon so manchen Wandel durchlebt, war die kleine und die große Stadt, die wilde und die brave und zu guter Letzt doch schließlich diese eine jene, wie sie mit verschlossenen Büchern und rostigen Türschlössern am Rande des Sumpfes liegen blieb.

Mit müden, aber wohl bestimmten Schritten tappte Betty Taleman in den Salon im Erdgeschoss, schlich am halb verlöschenen Kamin vorüber, bis hinaus auf die Veranda. Die Straße war ruhig, denn ganz New Orleans schlief. Fast ganz New Orleans. Denn Betty setze sich still und sanftmütig auf die weiß gestrichene Holzbank, wie sie auf den Balken der Veranda stand und über die Straße hinweg zu dem kleinen See hinüber sah, der sich am Fuße der grünen Böschung befand.

Den lichtscheuen Blick vom Wasser fort gewandt, ergriff Betty ein Windlicht, das unter der Bank stand und versuchte, die halb abgebrannte Kerze anzuzünden. Als schließlich ein zarter orange-roter Schimmer auf ihrer Haut lag und sich die Flamme lautlos in ihren Augen spiegelte, da rannen plötzlich zwei Tränen über die kalten, bleichen Wangen des Mädchens und fielen hinab auf das beinahe durchsichtige weiße bodenlange Nachthemd. Mehr Tränen vergoss Betty in dieser Nacht nicht. Doch sie sah erneut zum See und lächelte, als sie sah, wie sich der volle Mond in seinen Wellen spiegelte. Andächtig atmete sie ein und stand auf. Sie schlich ins Haus zurück und huschte in ihr Bett, so dass sie am Morgen in ihre Fellpantoffeln schlüpfen konnte, wie sie es jeden Morgen gegen sieben Uhr tat.

Und auch der restliche Tag verlief wie üblich. In ihrem hochgeschnürten Kleid, der schmückenden Schürze um die Hüfte, den rosanen Bändern im Haar und dem vertrauten Lächeln der stadtbekannten und vor allem stadtgeliebten Betty Taleman stolzierte sie durch die staubigen Straßen von New Orleans bis hin zur Kirche von Reverent Martin. Der Reverent dieser Stadt war der wohl gütigste und friedliebendste Mann des ganzen Landes und nur allzu bekannt für seine Hilfe in Trauerleiden. Betty kam so jeden Tag zu Reverent Martin, betete und steckte Blumen auf das Grab ihrer Mutter. Und als Betty diesen Morgen die Kirche betrat, grüßte der Reverent das junge Mädchen und wünschte ihr einen wundervollen Samstag. "Danke, Reverent!" , rief Betty lächelnd und winkend und erwiderte: "Ich wünsche ihnen ebenso einen wundervollen Morgen! Schließlich haben wir heute Samstag und so wollen wir freudig schaffen, bis wir den siebten Tag ehren." Der Reverent freute sich sichtlich, stimmte ihr wohlwollend zu und bereitete dann die Nachmittagsmesse vor.

Als Betty die Kirche verließ und auf den Hof trat, wie er die Hügel hinauf zu den Gräbern führte, verflog ihr Lächeln schlagartig und sie ließ all die Masken von sich abbröckeln. Vor einem der Steine kniete sie nieder. Sie betete lang und innig, doch sie verlor keine Träne. Sie wollte nicht mehr weinen. Früher hatte sie häufig geweint, immer wieder, als Scherif Taleman zuschlug. Der Scherif war angesehen, aus gutem Hause und hatte die glanzvollste und bezaubernste Familie im ganzen Land.

Doch er trank. Betty wusste nicht, warum er trank. Aber er tat es und dann schrie er Mary an. Mary, Bettys Mutter. Und Betty selbst schlug er. Er verprügelte sie regelmäßig und steckte sie in die Kammer unter den Treppensteigern, wo kein Licht, kein Wasser, kein Essen war und immer wenn es dunkel wurde, lag sie frierend dort drinnen und Scherif Taleman kam dann zu ihr und sagte: "Hallo mein kleiner Engel. Warst du denn auch immer artig? Nein! Und weißt du, was nun passiert? Unartige Kinder werden von Ratten angefressen." Er warf lachend und grölend ein Bündel Ratten in die Kammer und schlug die Tür zu. Dann legte er die Schlösser um und Betty schrie unter den Schmerzen, als die Ratten an ihr nagten. Der Scherif wartete so lange, bis die Schreie verstummten. Dann erst öffnete er die Tür und nahm die Ratten heraus. Wenn er im Suff über dem Tisch eingeschlafen war, dann kam Mary angerannt und holte weinend ihr Mädchen aus der Kammer. Hilfe rufen konnte sie nicht. Denn das schöne New Orleans war ein Nest aus Korruption und Hilfe bekam dort keiner, doch dafür fragte auch niemand, wenn es Leichen gab. Leichen gab es viele.

Betty verließ die Ruhestätten und der Tag schritt voran, bis es schließlich dämmerte und New Orleans die Bettruhe einläutete. Auch diese Nacht verließ Betty ihr Bett. Sie lief durch die Stadt, in Pantoffeln und Nachthemd und ohne ihr Rüschenhäubchen aufzusetzen und erreichte schließlich das Grab ihrer Mutter. Mit bloßen Händen wühlte sie im Dreck, schaufelte den Sand hervor und grub immer tiefer in die Erde. Mühsam klappte sie den Sargdeckel auf und sah auf das zerfallene Skelett hinab.

Mary Taleman, geborene Sullivan aus Chicago, kam als Tochter des berühmten Richters Jack Sullivan nach New Orleans, um dort der Eheschließung ihrer älteren Schwester Katrina mit dem Scherif Taleman bei zu wohnen. Bis sie ihrem zukünftigen Schwager gegenüber stand und ein Unglück seinen Lauf nahm. Die Hochzeit wurde abgesagt, die Verlobung von Mary Sullivan und Richard Taleman bekannt gegeben und bereits eine Woche darauf verschwand Katrina spurlos in den Sümpfen. Es wurde niemals aufgedeckt, was wirklich geschah.

Betty hob sachte die Leiche an und kramte unter den Knochen. Sie ertaste ein Stück Papier, nahm es an sich und schloss den Sarg. Dann schaufelte sie Erde darüber und beließ alles in nächtlicher Verschwiegenheit.

Sieben Tage später ging Betty zu Mike, dem Helfer von Scherif Taleman. Sie erklärte ihm mit gebrochener und tief erschütterter Stimme, der Scherif sei verschwunden und könne sein Amt nicht weiter ausüben. Er sei fort und sie habe keine Ahnung, was geschehen sein mochte. Mike sah zu Bob, dem ältesten "Hund" im Revier hinüber und nickte dann. Er bedankte sich förmlich und aß dann weiter zu Mittag.

Als Betty auf die Veranda der Talemans trat, hatte die Sonne ihren täglichen Höchststand erreicht und sie sah lächelnd zum See hinüber. Dann setze sie sich auf die weiße Holzbank und winkte dem Reverent, der vorüber ging, zu und sagte: "Ich wünsche ihnen einen wundervollen Morgen! Schließlich haben wir heute Samstag und so wollen wir freudig schaffen, bis wir den siebten Tag ehren." Der Reverent ging weiter und atmete die schöne, warme Sommerluft ein, während Betty den Brief zur Hand nahm und mit der Feder zart darunter schrieb: Liebe Mum, die Zeit heilt doch alle Wunden. Wirklichkeit bleibt Wirklichkeit, doch in New Orleans ist bloß jenes wirklich, was niemand weiß. Niemand weiß, was wirklich geschah. Lass uns weiter schweigen.

Nach dem Tod von Betty Taleman drei Sommer später fand der Reverent einen Brief im Nachtschränkchen des Mädchens. Er öffnete ihn und las darin:

Liebe Betty,

als ich das erste Mal in New Orleans war, lernte ich die Grausamkeit des Südens kennen. In Chicago war das anders. Hier werden Verbrechen verschwiegen. Tote, ungeborene Kinder, schlagende und vergewaltigende Männer, mordende Frauen und letztlich ein armes kleines, geschundenes Mädchen. Wir sind alle schuldig. Meine Wunden werden bleiben. An dir. Sie werden nie heilen. Und ich frage mich, ob all das wirklich wirklich war. Wäre ich doch in Chicago geblieben.

Der Reverent warf das Papier betrübt ins Feuer. Dann atmete er schwer durch und sagte: Wollen wir nun endlich den siebten Tag ehren!“

Betty Taleman nahm das Wissen um die schrecklichen Geschehnisse der Familien Sullivan und Taleman mit ins Grab. In New Orleans wurden mehrere Leichen gefunden, zum Teil auch Kinderleichen. Das Haus wurde abgerissen und nie wieder sprach man über die Familie Taleman.